Aus Sündenfall wird Stadtreparatur

Seit bald einmal dreissig Jahren trennt der sechsspurige Verkehrskanal SN1.4.4 den Schwamendinger Quartierteil Saatlen in zwei Hälften. Der darin rollende Verkehr beeinträchtigt Tausende von Menschen durch Lärm, Gestank und Feinstaub.

Es sind bis zu 130'000 Fahrzeuge, die täglich das Quartier durchqueren – notabene hautnah an Wohnsiedlungen vorbei. Die Autobahn zwischen Tunnelportal Schöneich und Aubrücke gehört denn auch zu den meist befahrenen Strassenabschnitten der Schweiz. 

Begehrte Wohnlage für den Mittelstand
Ein kurzer Blick zurück: Lange vor der Autobahn - nämlich bereits ab 1940 - entstanden in Zürich-Schwamendingen die für das Quartier typischen Siedlungen: Reiheneinfamilienhäuser und nur wenige Stockwerke hohe Mehrfamilienhäuser umgeben von grosszügigem Grünraum mit vielfältigem Baumbestand. Die Wohnlage war begehrt; die Bewohnerinnen und Bewohner zählten zum Mittelstand.

Der Gartenstadtcharakter dieser nach dem so genannten Steiner-Plan konzipierten Überbauungen ist heute noch erlebbar. Zum Beispiel in der Siedlung Dreispitz, an welcher täglich Tausende Automobilistinnen und Automobilisten auf ihrer Fahrt in die Innenstadt vorbeibrausen.

In Zürich hatte man diese offen geführte Autobahn nie gewollt. Bereits 1972 verlangte das städtische Hochbaudepartement und Architekturfachleute eine Überdeckung des Schwamendinger Nationalstrassenabschnitts. Eine im Auftrag von Stadt- und Regierungsrat erarbeitete Studie der ETH Zürich unterstrich 1979 diese Forderung erneut. Ohne Erfolg. 1981 weihte der Bund den sechsspurige Verkehrsweg feierlich ein - ein schwarzer Tag für Schwamendingen; die Bevölkerung machte die Faust im Sack!

Von der Gartenstadt zum Problemquartier
Diese dramatische Abwertung der Lebensqualität hatte Folgen. Die Autobahn zerschnitt gewachsene Strukturen; Grünanlagen und Aussenräume verödeten; dringende Renovationen und Erneuerungen wurden aufgeschoben; wer es sich leisten konnte, suchte sich eine bessere Wohnlage und zog weg.
Menschen mit tieferen Einkommen übernahmen ihre Wohnungen.

Die Südanflüge haben die Abwärtsspirale noch weiter angetrieben. In die Wohnungen wegziehender Schweizer Familien zogen Migrantinnen und Migranten. Heute ist Schwamendingen das Stadtquartier mit dem grössten Anteil an nicht Deutsch sprechender Wohnbevölkerung. Von Aussen wird es als «Problemquartier» wahrgenommen - sehr zum Ärger der Schwamendingerinnen und Schwamendinger, die die Qualitäten ihres Quartiers trotz Beeinträchtigung durch Luft- und Strassenverkehr nach wie vor zu schätzen wissen.

25jähriger Kampf für Überdachung
1987 verlangte eine Einzelinitiative im Kantonsrat erneut eine vollständige Überdeckung der SN1.4.4, und ein Jahr später forderte ein Postulat im Zürcher Gemeinderat einen öffentlichen städtebaulichen Ideenwettbewerb dazu.1990 bekräftige eine Arbeitsgruppe bestehend aus Vertretern von Kanton, Stadt, Wirtschaft und Quartier die Forderung nach einer Einhausung und verlangte einen Projektwettbewerb.

Trotz dieses einmütigen Einsatzes von Behörden, Politik, Wirtschaft und Quartiervertretern kam das Anliegen nicht vom Fleck. Erst eine 1999 eingereichte kantonale Volksinitiative durch den zwei Jahre vorher gegründeten Verein Einhausung Autobahn Schwamendingen brachte das Projekt ins Rollen. 

Ein hohe Hürde stellte in der Folge die Finanzierung dar. Der Bund wollte an die Einhausung lange Zeit nur einen Beitrag in Höhe der Kosten von Lärmschutzwänden beisteuern. Dank Lobbying durch Kanton, Stadt und Volksvertretern willigte der Bund im September 2005 ein, 115 Millionen Franken der Gesamtkosten zu übernehmen. Im Februar 2006 bewilligte der Zürcher Kantonsrat den Kantonsanteil von 50 Millionen Franken; im September 2006 sagte die Stadtzürcher Bevölkerung ein dickes Ja zum städtischen Beitrag von 40 Millionen Franken. Das Jahrhundertbauwerk für Schwamendingen war gesichert.

Parkanlage statt Autobahn
Die längst fällige Stadtreparatur in Form der Einhausung der Autobahn SN1.4.4 wird ab 2016 den Kreis 12 von den Lärm- und Schadstoffbelastungen des Durchgangsverkehrs befreien. Auf dem 900 Meter langen und 30 Meter breiten Deckel werden die Menschen im Grünen vom Fluss Glatt bis in den Wald des Zürichbergs spazieren können. 

Ein langwieriger Kampf um Lebensqualität wird dann zumal ein glückliches Ende finden.




 


























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